Als Morton Bartlett im Alter von 83 Jahren stirbt, finden Verwandte in seinem Haus
in Boston, Massachusetts 15 Kisten mit halb lebensgroßen Puppen und Zubehör: zwölf Mädchen und drei Jungen, selbst genähte
Kleider, schwarz-weiß Fotografien der Puppen sowie unzähliges Studien- und Archivmaterial.
Bartlett ist in Chicago geboren. Im Alter von 8 Jahren wird er zur Vollwaise und verbringt seine Kindheit im Heim.
Nach der Schule studiert er zwei Jahre lang Kunst an der Harvard Universität. Er bricht sein Studium ab, um als freier
Werbefotograf zu arbeiten. Aufgrund gesundheitlicher Schwierigkeiten (er kann nicht mehr in der Dunkelkammer arbeiten)
muss er die Arbeit niederlegen. Nach dem Kriegsdienst wird Bartlett Verleger und gründet eine Agentur für den Entwurf
und die Herstellung von Drucksachen.
Ab 1935 beginnt er Puppen zu entwerfen: Sie stellen Kinder zwischen acht und sechzehn Jahren dar. Um sie so naturalistisch
wie möglich zu gestallten, studiert er Anatomiebücher und Kostümgeschichte, lernt nähen und mit Ton zu modellieren.
Darüber hinaus gilt sein Interesse den fotografischen Inszenierungen der Puppen. Nicht die dokumentarische Abbildung ist
für Bartlett entscheidend, sondern das Durchspielen verschiedenster Momente von Wirklichkeit. Er arbeitet mit Licht und
Schatten, variiert Kleidung und Staffage.
Bartlett bleibt sein Leben lang unverheiratet, seine gesellschaftlichen Kontakte sind sehr beschränkt. Sein privates
Universum bleibt daher lange Zeit unbemerkt. Erst 1962 erlaubt er dem Mann seiner Patentochter, einem Journalist,
Einblicke in sein Reich. Die einzige Veröffentlichung, die zu Bartletts Lebzeiten erscheint, ein Artikel im Yankee Magazine 1962,
erregt Aufsehen. Das Interesse, das einige Leser in ihren Briefen bekunden, scheint Bartlett zu freuen. Trotzdem fällt der Zauber,
der ihn über drei Jahrzehnte faszinierte, ab. Bartlett baut für jede seiner Puppen eine eigene Kiste, wickelt die Figuren sorgsam
in Zeitungspapier aus dem Jahr 1965 und verstaut sie zusammen mit den Fotografien im hinteren Teil seiner Wohnung. Bis zu seinem
Tode 1992 lebt er ein ruhiges, unauffälliges Leben.